deutsch
english
Fax +49 (201) 87892-19 · info@redneragentur.de
Prof. Dr. Volker Busch ist seit über 20 Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und Vortragsredner tätig. Seine Spezialität ist die Welt von Geist und Gehirn. Er schreibt eine monatliche Kolumne für eine Zeitschrift aus der Handelsblatt-Gruppe, hat einen regelmäßigen Blog „Buschtrommel” und produziert Videos und Podcasts.
Vor wenigen Tagen wäre das Internet fast explodiert wegen empörter Kommentare von Menschen, die sich über die Ursachen der aktuellen PISA (Programme for international Student Assessment) Studie die Finger heiß tippten. Was läuft „schief“ in unserem Bildungssystem?
Die PISA-Studie der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) stellt eine internationale Analyse der Schulleistung dar und wird seit 2000 in allen OECD-Mitgliedstaaten erstellt, auch Partnernationen reihen sich ein. Maßgabe ist, die Kompetenzen 15-Jähriger zu erfassen. Fixiert auf Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften, auch Kompetenzen wie Kreatives Denken (PISA 2022) oder Fremdsprachen (PISA 2025) sind im Blick.
Die üblichen Verdächtigen sind zu wenig Lehrer, Sprachprobleme bei Kindern mit Migrationshintergrund und zu wenig Förderung benachteiligter Kinder. Alle Gründe tragen zum Ergebnis bei, aber ich möchte einen Faktor hervorholen, der in der Diskussion fast zu kurz gekommen wäre - den Rückgang des Lesens! Rund ein Viertel der 15-Jährigen erreicht nicht mehr die Mindestkompetenz.
Lesen formt unser Gehirn und bildet unseren Geist, wie kaum etwas anderes. Beim Lesen „leiht“ uns ein anderer Mensch für eine Weile seine Gedanken. Dadurch betreten wir fremde Perspektiven und erweitern unseren geistigen Raum: Wir entschlüsseln Bedeutungen, zeichnen Bilder, erkennen Zusammenhänge, prüfen Argumente und ziehen Schlussfolgerungen. Gleichzeitig trainieren wir etwas, das man für jede kognitive Leistung als „conditio sine qua non“ bezeichnen könnte – unsere Aufmerksamkeit.
Lesen hat einen so starken Einfluss, dass es sogar die funktionelle Organisation des Gehirns verändert. Insbesondere visuelle und sprachliche Systeme arbeiten bei lesenden Menschen enger zusammen. In einer Studie der Emory University (eine US-amerikanische Privatuniversität in Druid Hills, Atlanta, Georgia) zeigte sich, dass Veränderungen der funktionellen Vernetzung noch Tage nach dem Lesen eines Romans nachweisbar waren, faszinierenderweise in Arealen, die eigentlich für Bewegung zuständig sind. Wer liest, erlebt das Gelesene körperlich mit (embodied semantics).
Lesen (und Schreiben!) sind die konzentriertesten Formen menschlichen Denkens.
Auch in Zeiten des Wischens und Scrollens sollten wir das Lesen deswegen keinesfalls als altmodische Kulturtechnik betrachten. Lesen bleibt relevant! Wir dürfen die Verantwortung dafür, den Schülern wieder mehr Freude daran zu vermitteln, allerdings nicht den Lehrern allein aufbürden, wenn wir es als Eltern kaum noch von unseren Kindern fordern und selbst nicht vorleben.
Dabei könnten wir durchaus alle etwas tun:
Lesen Sie Ihrem (noch kleinen) Kind regelmäßig Geschichten vor. So erfährt es früh von dem Genuss, über Sprache lebendige Bilder zu erzeugen, die zum Denken und Fühlen anregen.
Nehmen Sie Ihrem (älteren) Kind am Abend Handy und Tablet weg, damit es überhaupt noch eine Chance hat, ein Buch in die Hand zu nehmen. Gegen social media haben nämlich selbst die spannendsten Abenteuerromane kaum eine Chance.
Lesen Sie selbst viel und werden Sie zu einem guten Vorbild. Machen Sie sich bewusst, dass eine der wirksamsten Formen des kindlichen Lernens die Imitation der eigenen Eltern ist.
Sir Francis Bacon (1. Viscount St. Albans, 1. Baron Verulam, 1561 bis 1626), ein englischer Philosoph, Jurist, Staatsmann, Wegbereiter des Empirismus (im Rahmen der Erkenntnistheorie wird die sinnliche Erfahrung zum einzigen gültigen Ursprung allen Wissens, Glaubens und ästhetischen Erlebens), schrieb einst, manche Bücher solle man kosten, andere verschlingen und einige wenige kauen und verdauen.
Wie immer man sie letztlich zu sich nehmen mag, in jedem Fall sollten wir unseren Kindern wieder mehr Appetit auf sie machen. In einer Welt voller Bildschirme ist das vielleicht das schönste Geschenk, das wir ihnen machen können.
Im Rahmen der aktuellen medialen Begleitung bietet es sich an, dort nachzulesen – beim NDR (PISA-Schock soll Konsequenzen für SH haben), bei der BERLINER MORGENPOST („Renovierungsstau herrscht nicht nur bei der Deutschen Bahn – auch an Schulen“) oder bei der FRANKFURTER RUNDSCHAU (Altmodisch, aber Lehrer wussten es schon immer: Warum Lesen gegen diese Krankheit vorbeugen kann).
Literatur:
1. Dehaene, S., et al., How Learning to Read Changes the Cortical Networks for Vision and Language.Science, 2010. 330: p. 1359-1364.
2. Berns, G., et al., Short- and Long-Term Effects of a Novel on Connectivity in the Brain. Brain Connectivity, 2013. 3: p. 590-600.
Mehr über Prof. Dr. Volker Busch.