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Oliver Kahn über den medial inszenierten Zoff zwischen Englands Coach Thomas Tuchel und seinem Spieler Jude Bellingham.

Oliver Kahn ist niemand, der sich mit seiner Meinung verstecken muss, das würde der ehemalige deutsche Fußballtorhüter, der den größten Teil seiner Karriere bei Bayern München spielte, auch nie machen. Zum Club kehrte er ab dem 1. Januar 2020 als Vorstandsmitglied zurück - vom 1. Juli 2021 bis Mai 2023 war er Vorstandsvorsitzender der FC Bayern AG. Er wurde Welttorhüter (1999, 2001, 2002) und erhielt 2002 als bisher einziger Torhüter den Goldenen Ball für den besten WM-Spieler (Deutschland wurde in Japan/Südkorea Vize-Weltmeister). Kahn (Master of Business Administration) war und ist eine extrovertierte und erfolgsorientierte Persönlichkeit, der auch seine eigenen Unternehmen aufbaute.

Das gab in den letzten Tagen gewaltigen medialen Aufruhr. Bei der aktuellen, seit dem 11. Juni in den USA, Mexiko und Kanada stattfindenden Endrunde der 23. FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft, neben den Olympischen Spielen das potenteste Sportereignis überhaupt, besiegte England den Konkurrenten Norwegen im Viertelfinale mit 2:1 nach Verlängerung und trifft heute, Donnerstag, im Halbfinale ab 21 Uhr (MEZ) auf Titelverteidiger Argentinien und kann ins Finale einziehen, das am Sonntag, 19. Juli (21 Uhr, MEZ) im „MetLife Stadium“ in East Rutherford im Bundesstaat New Jersey, stattfindet. Als Gegner wartet Europameister Spanien.

Englands deutscher Coach Thomas Tuchel überforderte nach dem Erfolg im Rahmen seiner Analyse so manchen medialen Betrachter, denn er äußerte sich kritisch über sein Team - nach einem Sieg! Eine schiere Ungeheuerlichkeit! Auch sein Akteur Jude Bellingham, immerhin zweifacher Torschütze gegen Norwegen, 2021 von Borussia Dortmund für über 100 Mio. Euro zu Real Madrid gewechselt, zeigte sich geprägt von Unverständnis, es kursierte der „erschütternde“ Begriff „Diskrepanzen“. Man mochte fast vermuten, wenn man die Berichterstattung auf sich wirken ließ, England stand kurz vor dem Kollaps.

Dabei hatte Tuchel Bellingham beim ersten Medien-Kontakt kurz nach dem Schlusspfiff als Weltklasse-Akteur tituliert, außerdem auch die Mentalität seiner Mannschaft gelobt. Schwieg aber nicht über von ihm konstatierte technische Mängel, mangelnde Geschwindigkeit - mit Blick auf den nächsten Gegner, also Argentinien, warnte er und prognostizierte, dass eine derartige Leistung nicht ausreichen würde.

Bellingham wurde nur nach seiner Meinung zur Kritik befragt und reagierte etwas - man könnte sagen - dünnhäutig.
Später, in der Kabine, wurden er und seine Mitspieler mit den „tuchelschen“ Überzeugungen auch noch einmal konfrontiert. Allerdings von Tuchel persönlich, mit vergleichbarer Tonalität.

Oliver Kahn nahm das alles kopfschüttelnd zur Kenntnis: „Thomas Tuchel hatte mit England gerade das Halbfinale der Weltmeisterschaft erreicht. Die Reaktionen folgten sofort. Und sie verraten mehr über unsere Zeit als über den Fußball.“

Kahns Statement auf LINKEDIN.

Die öffentliche Empörung fragt, warum ein Coach sein Team nach einem Erfolg kritisiert, warum, ergänzt Kahn, „kann er den Moment nicht einfach genießen, warum lobt nicht.“

Kahn legt sich nachdrücklich fest: „Mich irritiert nicht Tuchel. Mich irritiert, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden. Denn sie offenbaren eine Eigenart, die weit über den Sport hinausreicht.“

Vehement weist Kahn auf eine Tatsache hin. Es herrscht der Glaube, „Niederlagen seien der gefährlichste Moment einer Entwicklung.“ Und das ist einfach nicht korrekt - Kahn: „Tatsächlich ist es oft der Sieg.“

Nach einem verlorenen Spiel wird gezwungenermaßen die Analyse folgen - Kahn: „Ein Sieg verführt dazu, auf sie zu verzichten. Deshalb beginnt die eigentliche Führungsarbeit nicht nach einem verlorenen Spiel, sondern nach einem gewonnenen.“

Das Zauberwort ist also Führung - in diesem Fall von Tuchel.

Verhindert werden soll eine, wie Kahn es nennt, „Selbsttäuschung“, Ziel ist es nicht, „Menschen vor der Wirklichkeit zu schützen.“ Die Realität muss zugemutet werden, um nicht nur als Verwalter des Augenblicks aufzutreten, sondern „Defizite anzusprechen“, um „Verantwortung für die Zukunft“ zu übernehmen. Diese mutige Selbstverständlichkeit setzte Tuchel um. Kahn: „Er hat verhindert, dass ein Sieg wichtiger wird als die Wahrheit. Denn der Unterschied zwischen guten und außergewöhnlichen Mannschaften zeigt sich nicht nach Niederlagen, sondern nach Siegen.“

Wenn es einer weiß, dann Kahn - und Tuchel weiß das auch - nun sogar Jude Victor William Bellingham, der mit England heute, nach gewaltigen 60 Jahren, wieder ein WM-Finale „buchen“ kann - es sei denn, Argentinien und sein Kapitän Lionel Messi haben überzeugende Gegenargumente. 

Bei der WM 1966 konnte England auf eigenem Terrain den letzten und einzigen großen Titel zelebrieren, im Endspiel gegen Deutschland entschieden am 30. Juli 1966 in London erst das umstrittene „Wembley-Tor“ zum 3:2 durch Geoff Hurst (101. Minute) sowie dann das 4:2 (120.), auch durch Hurst, die Partie in der Verlängerung.

2023 bis 2024 war der diplomierte Betriebswirt Tuchel Coach des FC Bayern München (Deutscher Meister 2023), 2021 bis 2022 in der englischen Premier League Team-Manager des FC Chelsea, mit dem er auch sofort die Champions League gewann, 2018 bis Dezember 2020 Trainer von Paris Saint-Germain Football Club (zweimal französischer Meister). Er ist bei seinen Positionen immer verantwortlich für die weltweit hochkarätigsten Kader. 2015 bis 2017 war er Coach von Borussia Dortmund (Vizemeister Saison 2015/2016). Sein Trainer-Auftakt in den höchsten Ligen war 2014 der Fußballbundesligist FSF Mainz 05. Tuchel ist eine der spannendsten sowie innovativ denkendsten Trainer-Persönlichkeiten Europas.

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Dr. Claudia Major

Politikwissenschaftlerin, seit März 2025 Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen des German Marshall Fund. Bis dahin leitete sie die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). 2010-2024 war sie Mitglied im „Beirat zivile Krisenprävention und Friedensförderung“ des Auswärtigen Amtes. 2023 berief Verteidigungsminister Pistorius sie in den „Beirat Innere Führung“ des Verteidigungsministeriums. Sie berät zudem die Deutsch-Britische Königswinter-Konferenz. Dr. Major, ernannt zum Ritter des französischen Verdienstordens Ordre national du Mérite (Chevalier de l’Ordre national du Mérite), ist gesuchte Ansprechpartnerin für multiple Medien.